In der Stille liegt das Glück!

Die Welt scheint sich immer schneller zu drehen und immer lauter zu werden. Wie wirkt sich das auf unsere Gesundheit aus? Warum braucht unser Körper Stille? Und wo finden wir sie? Diesen Fragen geht Bernita von Wainando nach.

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Lange hat sich keiner für die Stille interessiert. Vielleicht, weil sie selbstverständlich schien. Oder unspektakulär. Aber seitdem immer mehr Forscher die Auswirkungen von Lärm und Stille untersuchen und sich immer mehr Menschen für Meditation interessieren, rückt sie wieder ins Rampenlicht. Zurecht, denn:

 

"Die Stille stellt keine Fragen, aber sie kann uns auf alles eine Antwort geben.“
– Ernst Ferstl

 

Wie laut ist unsere Welt?

Noch nie war die Welt so laut wie heute. Während unsere Vorfahren durch die Wälder zogen, hörten sie höchstens die Blätter im Wind rascheln. Vielleicht brüllte hin und wieder auch ein Auerochse. Während Blätter mit zehn Dezibel zu Buche schlagen, kommt der Verkehrslärm moderner Städte auf 75.

Weil auf den Straßen immer mehr los ist, haben viele das Gefühl, dass die Welt immer lauter wird. „Es gibt weniger Pausen zwischen den Spitzen“, so ein Umweltpsychologe der Ruhr-Universität Bochum im Spiegel. Laut einer WHO-Studie sind 40 % der Europäer in ihren Wohnungen Lärm ausgesetzt, der über den empfohlenen Grenzwerten liegt.

Der Trend zum Großraumbüro ist ein weiterer Grund, warum der Lärm zunimmt. Nur noch weniger als die Hälfte der 12 – 15 Millionen deutschen Büroarbeitsplätze sind Einzelbüros. Damit unterbrechen Telefonklingeln oder spontane Besprechungen immer häufiger die Konzentration. Wenn sich Menschen unterhalten, steigt der Schallpegel auf 55 Dezibel.

Unser vegetatives Nervensystem reagiert, auch wenn wir uns gar nicht gestört fühlen. Das hat Folgen.

 

Wie sich Lärm auf die Gesundheit auswirken kann

Das Lärmempfinden ist individuell. Aber generell gilt: Je lauter die Geräusche, desto stärker reagieren wir. Auf lange Sicht können dadurch Schlafstörungen, Gehörschäden und Herzkreislaufprobleme entstehen, so die WHO. Arbeitnehmer und Schüler bringen schlechtere Leistungen. Oder leiden unter Kopfschmerzen, Magenproblemen oder Konzentrationsschwächen. Wer Lärm ausgesetzt ist, zeigt also typische Stressreaktionen.

Die WHO geht sogar so weit, 3.000 tödliche Herzerkrankungen in Europa indirekt auf Lärmbelastung zurückzuführen.

Rein biologisch gesehen impliziert Lärm, dass etwas aus der Bahn gerät. Deshalb versuchen wir instinktiv, ihn zu vermeiden. Oder die Geräuschquelle zu identifizieren, um zu sehen, was los ist. Darunter leidet wiederum unsere Aufmerksamkeit, die wir brauchen, um in unserer Mitte zu sein.


Was macht Stille mit unserem Gehirn?

Stille ist machtvoller, als viele glauben. Einer Studie zufolge entspannen zwei Minuten Stille zwischen zwei Liedern mehr als die Musik selbst. Das könnte daran liegen, dass das Gehirn dann besser abschalten kann und sich auf nichts konzentriert.

Früher glaubte man, dass Stille überhaupt keinen Effekt auf das Gehirn hätte. Mehr oder weniger zufällig stießen Forscher darauf, dass sie falsch lagen. Tatsächlich fördern zwei Stunden Stille pro Tag das Zellwachstum im Gehirn. Das bedeutet: Das Gehirn ist aktiv, auch wenn es keine äußeren Reize verarbeitet.

Soweit die Wissenschaft. Aber Stille hat noch eine ganz andere Bedeutung für den Menschen.


Stille für inneres Wachstum

Der Mensch ist also für eine stille Welt gemacht. Er reagiert auf ständigen Lärm mit Stresssymptomen und entspannt, wenn keine Reize auf ihn einprasseln. Diese Erkenntnisse mögen für Wissenschaftler neu sein, aber Yogis und Buddhisten sind der Stille schon seit Jahrhunderten auf der Spur.

Seit jeher zogen sich Menschen in die Einsamkeit zurück, um nach innen zu blicken. Denn wenn der Lärm der Welt verebbt, können neue Erfahrungen die Bühne betreten.

Auch Künstler können ein Lied davon singen: Wenn sie sich öffnen und ganz still werden, kommt eine Idee nach der anderen.

Was genau können wir in der Stille finden, um im Alltag zu wachsen?


1. Auge im Tornado

Die Welt dreht sich weiter, ob wir wollen oder nicht. Keiner kann sie anhalten oder ihr versuchen beizubringen, dass zwei Gänge weniger auch genügen. Doch wie schnell wir selbst unterwegs sind, können wir bestimmen. Wenn wir wissen, wie man anhält.

Die Stille kann ein Anker sein, um in einer schnellen Welt zum Stehen zu kommen.

Wer innehält, kann sich in Ruhe umsehen und mit klarem Blick erkennen, in welche Richtung er gehen möchte. Und in welche nicht. Er kann besser einordnen, was andere wollen, und was ureigene Vorstellungen oder Wünsche sind.

 

2. Gelassen bleiben in stressigen Zeiten

Oft jagt ein Gedanke den anderen. Das fällt umso mehr auf, wenn es gerade ruhig ist. Aber in der Stille haben die Gedanken viel Raum. Wenn sich einer nach dem anderen in Luft auflöst, entspannen sich Körper und Geist.


3. Das große Glück in kleinen Dingen

Wer sich in der Stille zu Hause fühlt, braucht nicht viel. Und wird auch ohne ein großes Haus, ein teures Auto oder den neuesten Schnickschnack zufrieden sein. Das wiederum schafft Unabhängigkeit und Handlungsspielraum.

Was würdest du tun, wenn du nichts bräuchtest? Wenn es völlig ausreichen würde, still dazusitzen? Die Welt wäre voller Möglichkeiten. Aber gleichzeitig gäbe es nichts, was unbedingt getan werden müsste. Damit ist die Stille ein Tor zur Freiheit. 

In der Stille liegt das Glück

Still werden – aber wie?

Die Stille ist voller Verheißungen. Aber es ist gar nicht so einfach, sie zu finden. Unser Kopf ist darauf trainiert, den Geräuschen zu folgen. Unterhalten sich zwei Menschen im Bus, ist „weghören“ kaum möglich. Auch ein lauter Knall bindet unwillkürlich unsere Aufmerksamkeit. Denn wo Lärm ist, könnte auch Gefahr drohen.

Aber man kann lernen, auf die Stille zwischen den Geräuschen zu achten. Und zwar so:


1. Im Raum der Klangschale

Sorge zunächst dafür, dass du für ein paar Minuten ungestört bist. Dann schlage sacht eine Klangschale an und konzentriere dich auf den Ton. Verfolge ihn mit all deiner Aufmerksamkeit, bis er immer leiser und leiser wird. Wann ist gar nichts mehr zu hören? Lausche nun mit der gleichen Aufmerksamkeit der Stille, die am Ende des Tones zu klingen beginnt.

Wenn du keine Klangschale hast, kannst du auch ein anderes Instrument nehmen.


2. Sich selbst begegnen

Manchen Menschen fällt es schwer, in die Stille zu gehen oder meiden sie sogar bewusst. Denn wenn sie sich nicht ablenken können, müssen sie sich selbst anschauen. Häufig kommen dann aktuelle oder ältere Themen hoch, die bearbeitet werden wollen. Der Knatsch mit dem Kollegen oder der Groll des Ex-Partners zum Beispiel.

Das kann schwierig sein. Aber es ist auch eine Möglichkeit, die Dinge klarer zu sehen und endlich anzupacken. Wenn das gelingt, kann Stille sehr heilsam sein.

Jetzt kannst du dir bewusst werden, was du wirklich brauchst. Und was nicht. Stille ist der Raum, um mit seinem wahren Selbst oder mit Gott zu sprechen.


3. Dranbleiben

Auch wenn du Ruhe zu schätzen weißt: Am Anfang mag es schwer sein, konzentriert zu bleiben. Dann hilft es, vorher etwas Sport oder Dehnübungen zu machen, um Anspannungen zu lösen. Auch hohe Erwartungen können dazu führen, dass statt friedlicher Stille nur Frustration aufkommt.

In gewisser Hinsicht ist Stillsein das Einfachste überhaupt. Du musst dabei nichts leisten. Weil wir aber darauf trainiert sind, ständig etwas zu denken oder zu tun, fällt es schwer, damit aufzuhören. Da hilft nur eins: einfach weitermachen.

Gerade am Anfang kann es auch sinnvoll sein, sich einer Gruppe anzuschließen. Andere können wichtige Denkanstöße geben. Gemeinsam in der Stille zu sitzen, sorgt auch dafür, dass man durchhält und nicht nach fünf Minuten aufsteht, um sich abzulenken.


Fazit

Die Stille hat viele Facetten. Sie kann eine Herausforderung sein oder Entspannung schenken. Sie kann neue Welten eröffnen oder das eigene Gedankenkarussell erst richtig bewusst machen. Aber auch wenn sie meilenweit entfernt scheint: Tief innen spüren wohl viele Menschen, dass sie in der Stille zu Hause sind.

Über Bernita Müller

Bernita Müller machte einige Ausbildungen im therapeutischen Bereich und organisiert gemeinsam mit ihrer Schwester Michaela Müller Seminare für Menschen, die über den Tellerrand blicken möchten. Dazu gehören zum Beispiel Meditationswochenenden in Deutschland, achtsame Wanderungen in Spanien oder Ashram-Aufenthalte in Indien. Natürlich sind auch viele Stille-Retreats dabei.

Über den Autor

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