Wenn Selbstoptimierung zur Selbstsabotage wird

Selbstoptimierung, Biohacking, das beste aus sich selbst zu machen, ist im Trend. Der Gedanke, alles immer mehr zu optimieren, alles immer besser machen zu wollen, scheint perfekt zu unserer modernen Leistungsgesellschaft zu passen.

Wahrscheinlich ist es auch so. Doch der Grundgedanke — Das beste aus sich und seinem Leben machen zu wollen. Gesünder, bewusster, glücklicher zu leben. — ist doch eigentlich nur naheliegend, oder? Ist es nicht wünschenswert?

Dass das Vorhaben schnell ins Negative umschlagen kann, ist leicht vorstellbar. Doch natürlich muss das nicht sein. Selbstoptimierung muss nicht in zu viel Druck, ja in Selbstsabotage ausarten. Wie so oft liegt es an uns selber. Lass uns also schauen, wie wir uns dem Thema 'richtig' nähern können.


Was ist Selbstoptimierung?

Anfangen sollten wir damit, dass wir uns erst mal Gedanken machen, worüber wir da eigentlich reden. Was wir eigentlich machen wollen.

Ganz allgemein gesagt kann man Selbstoptimierung als einen 'Prozess eines Systems sich einem Zielzustand anzunähern' verstehen. Mit dieser allgemeinen Erklärung wird auch schnell ersichtlich, dass es kein neuer Trend ist, sondern eigentlich etwas völlig Natürliches.

In der Natur können wir überall Selbstoptimierung, Anpassung, Selbstregulation finden. Der Grundgedanke ist auch so absolut nicht neu. Schon seit jeher haben Menschen versucht bestimmte Bereiche ihres Lebens — sich eingeschlossen — zu verbessern und zu optimieren.

Heutzutage bringen wir das Ganze nur auf ein neues Level. Wir können immer mehr messbar machen, kleine Unterschiede erkennbar machen, versuchen in all möglichen Bereichen besser zu werden.

Gehen wir an das Thema ran, ergibt sich schnell ein anderes Bild. Selbstoptimierung — Die Optimierung des Selbst. Impliziert das nicht, dass wir — unser Selbst — nicht genug sind? Dass es Optimierungspotenzial aber auch -bedarf gibt? Sind wir nicht gut genug, so wie wir sind? Eine wichtige Frage, auf die es vielleicht keine allgemeinfüllige Antwort geben kann. Letztendlich liegt die Bewertung doch bei jedem selbst.


Was bringt uns Selbstoptimierung?

Unabhängig davon lohnt sich jedoch es sich, zu schauen, ob und inwiefern uns Selbstoptimierung etwas bringt. Welchen Nutzen können wir uns davon versprechen?

Dafür eine 'doofe’ Gegenfrage: Welchen Nutzen oder Vorteil haben wir vom Leben allgemein?

Ernsthaft, wir sind so schnell damit, überall einen Nutzen zu suchen. Kommt es nicht immer auf unsere Ziele an? Was wollen wir im Leben?

Optimierung. Etwas Verbessern. Fortschritt wird leicht sofort als erstrebenswert angesehen. Doch ist es das? Sollte es uns darum gehen? Macht dies unser Leben wirklich besser?

Meiner Erfahrung nach nur bedingt. Sicherlich ist eine Verbesserung meist vorteilhaft. Ich sehe es ganz ähnlich wie mit einer gesunden Lebensweise.

Gesundheit sollte nicht das Ziel sein. Gesundheit ist ein Weg. Kann einen irgendwo hinbringen. Die eigene Lebensqualität verbessern. Doch einfach nur bestmögliche Gesundheit als vorrangiges Ziel zu haben, wird sicherlich nicht erfüllend sein. Wird letztendlich nicht als alleiniges Ziel ausreichend sein. Ganz ähnlich ist es wohl mit Optimierung allgemein.

Das muss natürlich jeder für sich herausfinden. Doch Optimierung sollte immer zielgebunden sein. Optimal für was? Irgendeinen Zielzustand, zumindest eine Zielrichtung muss es wohl geben.

Zu optimieren gäbe es natürlich viel Sachen. Typische Bereiche auch aus dem Biohacking wären unser Schlaf, Stresslevel, Energie, Wohlbefinden, Konzentration, Produktivität, Darmgesundheit, Langlebigkeit, Körperkonstitution usw. Fangen wir an diese einzelnen Bereiche von uns und unseres Lebens zu optimieren, kann sich das schnell positiv auf unser Erleben auswirken. In diesem Sinne ist es also überaus erstrebenswert, sich einigen dieser Themen anzunehmen.


Wenn Selbstoptimierung zur Selbstsabotage wird

Wie eingangs erwähnt, besteht die Gefahr, sich schnell zu verlieren. Der durchaus positive Ansatz bekommt dann einen negativen Beigeschmack. Mehr noch, kann zur selbst erschaffenen Qual werden. Nur noch mehr Druck erzeugen. Zur Selbstsabotage werden.

Wer sämtlich Bereiche seines Lebens und auch sich selber optimieren möchte, kann schnell an seine Grenzen gelangen. Nur zu schnell konzentriert man sich immer nur auf all die Dinge, die nicht gut sind. Vor allem wenn wir anfangen, alles messbar zu machen, laufen wir diese Gefahr.

Nehmen wir uns vor, alles zu verbessern. Fangen an, alles zu messen. Stellen wir unweigerlich ist, wie viel noch nicht so ist, wie wir es uns wünschen. Theoretisch könnte uns dies anspornen. Nur oft erreichen wir eher das Gegenteil. Der Druck erhöht sich. Die Unzufriedenheit steigt.

Dies liegt an sich weder an der Idee der Selbstoptimierung noch an der Selbstmessung. Beides wunderbare Werkzeuge und Ideen. Es liegt an uns. Unsere Einstellung und unser Umgang mit den Sachen.

Anstatt die Schuld woanders zu suchen — was generell wohl nie hilft —, sollten wir nach der Ursache Ausschau halten. Wo kommt der Druck her? Warum wollen wir eigentlich diese Veränderung so sehr? Warum wollen wir unbedingt besser werden? Warum meinen wir, besser werden zu müssen?

Sicherlich werden sich viele verschiedene Ursachen für ein negatives Erleben finden lassen. Doch versuchen wir tiefer zu gehen, lässt sich vielleicht die wahre Ursache finden. Könnte es bei vielen Menschen ein Mangel an Selbstwertgefühl sein?

Sind wir uns selber nicht genug. Können wir uns selber nicht annehmen. Selber nicht lieben. Versuchen wir durch andere Dinge diesen Mangel auszugleichen. Fehlt es uns an Selbstwertgefühl, so kann es schnell dazu kommen, dass sich Druck, Stress und Unzufriedenheit aufbauen. Alles ins Negative umschlägt.

Ich meine nicht, dass alle Ursachen in einem Mangel an Selbstwertgefühl zu finden sind. Doch sicherlich spielt dieser Faktor eine große Rolle. Sind wir im Reinen mit uns selber, können wir mit Gelassenheit an die Sache rangehen. Dann müssen wir nicht etwas verändern. Es entsteht kein Druck.

Jede Verbesserung ist dann einfach nur eine Verbesserung. Eine willkommene Entwicklung. Nicht aus einem Mangel heraus. Sondern aus einer offenen, zufriedenen Haltung.

So oft halten wir an einer Idee fest. An der Idee vom optimalen Leben. Einem optimalen Ich. Wie toll es doch wäre. Doch es ist schon toll. Das Leben ist schon wunderbar. Erkennen wir dies, eröffnen wir der potenziellen Veränderung ganz andere Wege.


Was ist nun die Lösung?

Die Lösung? Gibt es denn überhaupt ein Problem? Falls ja, liegt die Lösung vielleicht zuallererst in unserer Einstellung. Lasst uns an ihr arbeiten. Der Rest ergibt sich dann schon.


“Die moderne Industriegesellschaft ist ein selbstmörderischer Prozess. Ich würde sagen, es ist eine fanatische Religion. Eine messianische Bewegung, die ausgeht von dem sinnlosen Glauben, die Erde sei nicht perfekt, wir müssten sie verbessern. Und der Schlüssel zum Heil sei die Technik.”
— José Lutzenberger


Insgesamt will ich die Selbstoptimierung gar nicht schlecht reden. Denn das ist sie nicht. Letztendlich ist sie weder gut noch gut noch schlecht. Wie so oft liegt es an uns. Unsere Einstellung. Unsere Umsetzung. Eigentlich begrüße ich die Bewegung sogar.

Schließlich geht es vor allem darum, selber aktiv zu werden. Sich nicht irgendwelchen Umständen hinzugeben. Die Schuld bei anderen zu suchen. Sich zu beschweren, warum etwas nicht geht. Stattdessen schaut man, was man selber tun kann. Wie man seine eigenen Ressourcen nutzen kann.

Wir sollten dabei ei nfach nur unser Herz nicht vergessen. Nicht alles mit dem Kopf verändern wollen. Achten wir auf uns selbst, unsere Gefühle, unsere inneren Wünsche, Bedürfnisse und Stimmen. Begegnen wir uns und dem Leben mit offenem Herzen, so können wir fast sorglos mit der Selbstoptimierung fortfahren. Sofern wir denn noch wollen.

Simon Schubert
 

Als studierter Gesundheitsmanager und Gründer von Perspektive Gesundheit unterstütze ich Menschen bei der Umsetzung einer gesunden Lebensweise.

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