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Wie Süchte unsere Persönlichkeit verändern

Community
Von Community / 25. April 2018
Wie Süchte unsere Persönlichkeit verändern


Diese Zahlen schockieren: Innerhalb der weltweit größten Drogenumfrage, dem Global Drug Survey, gaben 13 Prozent der Teilnehmer zu, im Vorjahr Kokain konsumiert zu haben. Neben der Gefahr, die Suchtmittel für den Körper bedeuten, stellen sie häufig ein weitaus höheres Risiko für die psychische Gesundheit dar. Abhängigkeitserkrankungen verändern das emotionale Empfinden und die Persönlichkeit der Betroffenen nachhaltig.

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Was ändert sich durch eine Sucht?

Suchterkrankungen beginnen im Kopf der Betroffenen und pflanzen sich von dort aus wie seismische Wellen fort. Schlussendlich äußern sich ihre schädlichen Konsequenzen in Beziehungen, Berufsleben und finanziellem Status. Den entscheidenden Einfluss üben Drogen und suchterzeugende Verhaltensweisen jedoch auf die individuelle Gehirnchemie aus:

1. Sucht verändert das Belohnungssystem

Der Grund, warum Süchte so schnell entstehen, liegt in der menschlichen Gehirnphysiologie. Das Glückshormon Dopamin ist im Normalfall dafür verantwortlich, die Erwartung auf angenehme und existenziell bedeutsame Ereignisse mit einem Hochgefühl zu kennzeichnen. Auf diese Weise lernt der Mensch früh, dass wohlschmeckende Nahrung oder das Verliebtsein besonders erstrebenswert sind. Fatalerweise regen auch Zigaretten, Alkohol, Drogen oder Glücksspiel die Ausschüttung von Dopamin im Gehirn an. Besonders empfindlich dafür sind Menschen, deren Anzahl an Dopamin-Rezeptoren genetisch bedingt reduziert ist. Sie brauchen höhere Dosen des Botenstoffs, um sich gut zu fühlen. Süchtige konditionieren ihr Belohnungssystem schließlich auf einen einzigen Reiz, der regelmäßig nach Steigerung verlangt.


2. Drogen lassen Betroffene abstumpfen

Hat das Gehirn das jeweilige Suchtmittel erst einmal mit einer hohen Dosis Glückshormone assoziiert, tritt rasch ein Gewöhnungseffekt ein, den Fachleute als Neuroadaption bezeichnen. Um dieselbe Menge Dopamin auszuschütten, verlangt unser Organismus nach immer höheren Dosen der Droge bzw. des jeweiligen Suchtverhaltens. Gleichzeitig verringert sich die Zahl der Dopaminrezeptoren, um der Überflutung entgegenzuwirken und ein hormonelles Gleichgewicht wiederzuerlangen. Mit verminderten „Empfängern“ für die Glückshormone ausgestattet, empfinden Süchtige die üblichen Freuden des Alltags wie ein interessantes Gespräch, einen Flirt oder ein leckeres Essen aber mit der Zeit als reizlos. Allein die Droge ihrer Wahl lässt Glücksgefühle entstehen.


3. Süchtige vernachlässigen ihr soziales Umfeld und ihre Arbeit

Tritt ein Wohlgefühl nur bei immer größeren Mengen Alkohol, Kokain oder Beruhigungsmitteln ein oder fühlt man sich nur bei immer häufigeren Besuchen von Einkaufszentren oder Spielhallen gut, bleibt irgendwann kaum mehr Raum für das Leben darüber hinaus. Süchtige richten ihren Alltag so sehr nach dem Beschaffen der Drogen und der finanziellen Mittel dafür aus, dass sie die Treffen mit Freunden oder ehemals geliebte Hobbys meist als Erstes aufgeben. Steigt der Suchtdruck, lässt die Leistung im Job nach. Wer allerdings seinen Arbeitsplatz verliert, finanziert seine Sucht zumeist mit geliehenem Geld und gerät in eine Schuldenspirale.


4. Angehörige geraten in die Co-Abhängigkeit

Angehörige: Wie Süchte unsere Persönlichkeit verändern

Ehepartner, Eltern und Kinder von Süchtigen erfahren die Veränderung ihrer Persönlichkeit meist hautnah. Bis die Angehörigen gegen das Suchtverhalten vorgehen, vergeht zumeist viel Zeit – schließlich will niemand ein Glas Wein oder eine Zigarette als Quell der Beruhigung am Feierabend verbieten. Doch selbst, wenn die Abhängigkeit unleugbare Dimensionen angenommen hat, helfen viele Angehörige den Süchtigen bei der Beschaffung ihrer Droge. Schließlich erleben sie den ihnen nahestehenden Menschen nur dann gelöst, glücklich und hoffnungsvoll, wenn das Suchtmittel präsent ist. Das Bewusstsein, dass co-abhängige Angehörige dazu beitragen, eine schädliche Gehirnkonditionierung zu bilden, steht im Kontrast zu ihrem Bedürfnis, ihr süchtiges Familienmitglied endlich wieder glücklich und entspannt zu erleben.


Welche Suchterkrankungen sind besonders markant?

Den Begriff Drogensucht assoziieren viele Menschen mit Spritzen und schmutzigen Ecken an Hauptstadtbahnhöfen. Tatsächlich ist die Heroinsucht mit geschätzten 150.000 Fällen in Deutschland jedoch stark rückläufig. Andere suchterzeugende Substanzen und Verhaltensweisen lösen hierzulande wesentlich mehr Fälle von Abhängigkeitserkrankungen aus und haben einen gravierenden Einfluss auf die Persönlichkeit der Betroffenen:

Alkoholismus

Alkohol: Wie Süchte unsere Persönlichkeit verändern
Ehepartner, Eltern und Kinder von Süchtigen erfahren die Veränderung ihrer Persönlichkeit meist hautnah. Bis die Angehörigen gegen das Suchtverhalten vorgehen, vergeht zumeist viel Zeit – schließlich will niemand ein Glas Wein oder eine Zigarette als Quell der Beruhigung am Feierabend verbieten. Doch selbst, wenn die Abhängigkeit unleugbare Dimensionen angenommen hat, helfen viele Angehörige den Süchtigen bei der Beschaffung ihrer Droge. Schließlich erleben sie den ihnen nahestehenden Menschen nur dann gelöst, glücklich und hoffnungsvoll, wenn das Suchtmittel präsent ist. Das Bewusstsein, dass co-abhängige Angehörige dazu beitragen, eine schädliche Gehirnkonditionierung zu bilden, steht im Kontrast zu ihrem Bedürfnis, ihr süchtiges Familienmitglied endlich wieder glücklich und entspannt zu erleben.

Laut Auskunft des Bundesgesundheitsministeriums trinken etwa 9,5 Millionen deutsche Bürger regelmäßig gesundheitsschädliche Mengen Alkohol. 1,8 Millionen davon gelten nach offizieller Definition als abhängig. Das Tückische am Alkoholismus: Die betreffende Substanz ist weder illegal noch gesellschaftlich geächtet. Abhängige reden sich eine lange Zeit selbst ein, Bier und Wein nach Feierabend nur zur Entspannung zu brauchen bzw. am Wochenende einmal „richtig abschalten“ zu müssen. Die Veränderungen durch die Sucht finden bei ihnen schleichend statt und werden lange Zeit vom sozialen Umfeld akzeptiert.

Spielsucht

Ein unverhoffter Geldgewinn löst bei jedem Menschen Glücksgefühle aus – Schätzungen zufolge entwickeln daraus jedoch 1 Prozent der 16- bis 65-Jährigen in Deutschland ein pathologisches Spielverhalten. Der typische Verlauf der Erkrankung teilt sich in eine Gewinnphase, die von Realitätsverlust und Manie gekennzeichnet sind, und eine Verlustphase, in der Betroffene finanzielle Einbußen verheimlichen und sich von Freunden und Familie zurückziehen. Schließlich mündet Spielsucht in die Verzweiflungsphase, die mit Ängsten, Depressionen und Selbstmordgedanken einhergeht.
 

Essstörungen

Die Suchterkrankungen, die sich ums Essen drehen, weisen eine hohe Dunkelziffer auf. Experten gehen davon aus, dass etwa 1 Prozent der Bevölkerung an Magersucht leiden und jeweils 2 Prozent an Bulimie und der sogenannten Binge Eating Disorder. Dass es sich bei den Zahlen nur um Schätzungen handelt, liegt in der Natur der Krankheit: Scham und Schuldgefühle prägen die Gefühlswelt der Betroffenen und sorgen dafür, dass sie ihre Sucht selbst vor den nahestehenden Menschen vollständig verheimlichen. In einer Welt der allgegenwärtigen Schönheitsideale durch Fitness-Magazine und Model-Selfies auf Instagram führen Essgestörte Krieg gegen den eigenen Körper und verlieren dabei ihr Selbstwertgefühl. Dieser Mangel führt dazu, dass sie sich auch in anderen Lebensbereichen wie Beruf und Beziehungen nur unzureichend entfalten können.


Ausstieg und Vorsorge

Jeder Süchtige kann seine Erkrankung mit therapeutischer Unterstützung überwinden. Dabei hat sich ein Programm aus vier Schritten etabliert, das im Prinzip für alle Arten der Suchterkrankungen geeignet ist. Sein Ziel besteht darin, Rückfällen langfristig vorzubeugen.

1. Die Vorbereitung

Niemand kann zu einem besseren Leben gezwungen werden – dass Abhängigkeitserkrankungen den höchsten Grad der Unfreiheit mit sich bringen und Existenzen zerstören können, müssen Betroffene selbst erkennen. Wenn Süchtige schließlich den Entschluss fassen, auszusteigen, können Suchtberatungsstellen oder Ärzte dabei helfen, die nächsten Schritte einzuleiten.

2. Der Entzug

Falls es sich um eine körperliche Abhängigkeit handelt, kann der Entzug stationär stattfinden. Alkohol wird dabei ersatzlos abgesetzt, während Mediziner suchtauslösende Opioide allmählich in ihrer Dosis herabsetzen. Spezielle Medikamente verringern die organischen Entzugssymptome und erleichtern das Absetzen. Selbst Anhänger substanzloser Süchte wie pathologische Spieler profitieren von der Einnahme des Opiatblockers Naltrexon. Das Medikament, welches das Wiedererleben von rauschhaften Zuständen verhindert, verhalf in einer Studie 40 Prozent der Teilnehmer zum Entzug, während es in der Kontrollgruppe nur 11 Prozent schafften.

3. Rehabilitation und Psychotherapie

Ein Suchtverhalten abzubrechen funktioniert nur kurzfristig, wenn die persönlichen Gründe dafür unerkannt und unbehandelt bleiben. Eine Psychotherapie leistet dabei essenzielle Hilfe, indem sie eventuelle Defizite in der Persönlichkeitsentwicklung der Betroffenen ausgleicht und Stressfaktoren im Umfeld identifiziert. Eine psychotherapeutische Behandlung unterstützt ehemalige Abhängige auch dabei, wieder ihre vollständige Arbeitsfähigkeit zu erlangen.

4. Rückfallprävention

Da die Sucht ihren „Fingerabdruck“ im Belohnungszentrum des Gehirns hinterlässt, bergen Abhängigkeitserkrankungen meist ein lebenslanges Rückfallrisiko. Präventive Maßnahmen sollen die Motivation zur Abstinenz langfristig aufrechterhalten und Ex-Abhängige dazu anleiten, konstruktive Methoden zur Stressbewältigung zu nutzen. Dazu eignen sich Selbsthilfegruppen, Psychotherapie in größeren Zeitabständen aber auch Entspannungstechniken der eigenen Wahl wie Yoga, Meditation und autogenes Training. Für jeden ehemals Abhängigen ist es wichtig, sich selbst achtsam zu beobachten und möglichen Stressauslösern frühzeitig und effektiv entgegenzuwirken.


Fazit

Eine Suchterkrankung schädigt nie nur den Körper, sondern wirkt sich meist verheerend auf enge Beziehungen, den beruflichen Erfolg und vor allem das persönliche Empfinden von Glück aus. Die Angst vor schmerzhaften Gefühlen lässt den Ausstieg aus der Sucht wie eine unüberwindbare Hürde erscheinen. Wer ihn allerdings wagt, kann daran in seiner Persönlichkeit wachsen. Dazu gezwungen, sich mit zentralen Lebensinhalten und Auslösern von Freude und Schmerz auseinanderzusetzen, leben ehemals Abhängige meist bewusster und selbstbestimmter.

Über den Autor

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Perspektive Gesundheit ist eine unabhängig Initiative, die sich für die Gesundheit aller Menschen sowie unserer Erde einsetzt.


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